Islands Kultur ist geprägt von Isolation, Natur und dem Wort. Seit tausend Jahren bewahrt eine kleine Nation am Rand der bewohnbaren Welt ihre Sprache, ihre Geschichten und ihre Bräuche. Island zu verstehen heißt zu verstehen, wie Vergangenheit und Gegenwart im Alltag miteinander verwoben sind — in den Namen der Menschen, im Glauben an verborgenes Leben in der Lava und in der tiefen Liebe einer Nation zu Büchern.
Die Sagas und die Sprache
Die Isländersagas, im 13. Jahrhundert geschrieben, gehören zu den großen literarischen Schätzen des Mittelalters. Sie erzählen in klarer, nüchterner Prosa von Siedlern, Fehden, Rache und Liebe. Njáls saga und Egils saga werden noch heute in Schulen gelesen.
Isländisch hat sich seit der Wikingerzeit erstaunlich wenig verändert. Moderne Isländer können die alten Sagas noch im Original lesen. Ein Sprachausschuss prägt neue isländische Wörter für moderne Begriffe, statt Fremdwörter zu übernehmen — tölva (Computer), sími (Telefon) und þyrla (Hubschrauber) sind Beispiele.
Verborgenes Volk und Elfen
Viele Isländer zeigen noch heute Respekt vor dem Huldufólk — dem verborgenen Volk, das angeblich in Felsen und Lavafeldern wohnt. Straßen sollen umgeleitet worden sein, um einen Elfenfelsen zu meiden. Ob man wörtlich daran glaubt oder nicht — die Tradition spiegelt eine tiefe Verbundenheit mit dem Land selbst wider.
Weihnachten — die dreizehn Gesellen und Grýla
Ein isländisches Weihnachten hat sein eigenes Personal. Statt eines Weihnachtsmanns gibt es die dreizehn Weihnachtsgesellen (jólasveinar), die in den dreizehn Nächten vor Weihnachten einer nach dem anderen kommen. Ihre Namen sind unter anderem Stekkjarstaur, Giljagaur, Stúfur und Kertasníkir, und jeder treibt seinen eigenen Schabernack. Kinder stellen einen Schuh ans Fenster und bekommen ein kleines Geschenk — oder eine Kartoffel, wenn sie unartig waren.
Ihre Mutter ist Grýla, eine Trollin, die unartige Kinder holen soll, und über das Haus wacht die Weihnachtskatze, die angeblich alle frisst, die vor Weihnachten kein neues Kleidungsstück bekommen.
Þorrablót — das Mittwinterfest
Im alten Monat Þorri feiern die Isländer Þorrablót, Feste mit traditionellem Essen, Gesang und Frohsinn, die die dunkelste Zeit des Jahres erhellen. Es ist ein Moment der Gemeinschaft, der Verwandtschaft und der gemeinsamen Identität.
Namen und der Lopapeysa
Isländer verwenden Patronyme, keine Familiennamen. Jóns Kind wird Jónsson oder Jónsdóttir. Deshalb ist das Telefonbuch nach Vornamen geordnet und jeder, sogar der Präsident, wird mit dem Vornamen angesprochen.
Der Lopapeysa, aus isländischer Wolle mit gemustertem Passenkragen gestrickt, ist das Nationalkleidungsstück. Er hält Regen und Wind ab und wird mit Stolz zu Hause wie in den Bergen getragen.
Heiße Becken und Musik
Die Schwimmbadkultur steht im Herzen der Gesellschaft. Jeder Ort hat ein beheiztes Bad mit Hot Pots, in denen sich Menschen treffen, plaudern und entspannen — das informelle Gemeindezentrum der Nation.
Trotz seiner winzigen Bevölkerung hat Island der Welt außergewöhnliche Musik geschenkt: Björk, Sigur Rós und Of Monsters and Men sind weltweit bekannt, getragen von einer Kreativität, die aus dem Land selbst zu erwachsen scheint.
Die weihnachtliche Bücherflut
Isländer lesen mehr als fast jede andere Nation und veröffentlichen pro Kopf mehr Bücher als jedes andere Land. Vor Weihnachten kommt die jólabókaflóð — die Weihnachtsbücherflut, wenn eine Welle neuer Titel erscheint und verschenkt wird. Am Heiligabend machen es sich viele mit einem neuen Buch und Schokolade gemütlich. Kaum eine Tradition beschreibt die Nation besser.
Torfhäuser und Handwerk
In früheren Jahrhunderten lebten die Isländer in Torfhäusern, Behausungen aus Torf und Stein, die in harten Wintern die Wärme hielten. Einige stehen noch als Museen. Dieses handwerkliche Erbe lebt im Stricken, im Schnitzen und in einer Designtradition weiter, die Schlichtheit mit den Rohstoffen der Natur verbindet.
Das Pferd und die Verse
Das Islandpferd, klein und robust, kam mit den Siedlern und ist seit tausend Jahren eine reine Rasse geblieben. Es hat eine einzigartige weiche Gangart, den Tölt. In den alten Torfhöfen wurden rímur vorgetragen — lange, stabreimende Verse, die bei der Arbeit gesungen wurden, eine alte Tradition, die noch heute gepflegt wird.
Neujahrselfen
Der Volksglaube besagt, dass an Silvester und am Dreikönigsabend die Elfen unterwegs sind und Kühe sprechen. Am Þrettándinn, dem dreizehnten und letzten Weihnachtstag, gibt es im ganzen Land Elfenfeuer und Fackelzüge — ein magischer Abschluss der Festzeit.
Durch Island zu reisen heißt, eine lebendige Kultur zu betreten, in der die Vergangenheit nie weit entfernt ist. Sie sind eingeladen, sie kennenzulernen.